Untergetaucht

Fear

Foto: Nathan O’Nions via Flickr (Creative Commons)

Was vorher passierte…

Ich ging nicht petzen.
Ich erzählte einfach niemandem davon.
Stattdessen überlegte ich, was die anderen gegen mich haben konnten. Vielleicht hatten sie mich auch einfach mit jemand anderem verwechselt. Vielleicht wäre morgen wieder alles normal. Ich war mir sicher, dass alles ein großer Irrtum war, der sich in kurzer Zeit auflösen würde.

Die Realität sah anders aus. Sie kamen mir nicht mehr so nahe wie bei der ersten Begegnung, doch sie hatten mich auf ihrem Radar. Und es sah nicht so aus, als ob ich in naher Zukunft wieder von diesem verschwinden würde. In der Schule passierte nichts. Ich hatte Glück – die Klassen meiner Verfolger waren in einem anderen Teil des Gebäudes untergebracht.

Ich wollte nichts riskieren und hielt mich in den Pausen immer im Klassenraum auf. Das war nicht so schlimm. Draußen war es ohnehin kalt und alle blieben drinnen. Außerdem gab es auf dem Schulhof nicht viel zu tun. Entweder stellte man sich zu den coolen älteren Kids in die Raucherecke, oder man ging in die Pausenhalle, wo es Musik gab und einen Kiosk. Beides schien mir zu riskant. Und obwohl ich mich drinnen „versteckte“, lebte ich trotzdem in ständiger Angst, dass Marcus oder einer der anderen plötzlich bei uns in der Klasse auftauchen und mich zur Sau machen könnte. Das einzige, was schlimmer war als die Pausen, waren die Heimwege.

Alle meine Freunde hatten einen anderen Schulweg oder fuhren mit dem Bus heim. Ich hielt nach anderen Gruppen Ausschau, die den gleichen Weg nach Hause gingen. Ohne Erfolg. Also machte ich mich wochenlang mit klopfendem Herzen allein auf und hoffte, dass ich die 15 Minuten heile überstehen würde. Alle paar hundert Meter sah ich mich vorsichtig um.

„Willst du Probleme? Willst du was auf die Fresse?“
Die Worte hallten noch in meinem Kopf nach. Ich sah ihn vor mir, ich sah die anderen, die sich im Hintergrund hielten. Manche gelangweilt, andere schadenfroh.

Ich hatte nicht vor, mir das nochmal anzuhören.
Sie waren mir noch einige Male auf den Fersen. Ich hatte Glück, dass Marcus nicht dabei war – er hätte nicht lange gefackelt. Ich wollte nicht zeigen, dass ich Angst hatte. Ich gab mich gleichgültig. Aber jedes Mal, wenn ich an eine Kurve oder Straßenabzweigung kam und die anderen außer Sichtweite waren, beschleunigte ich meine Schritte. Manchmal rannte ich.

Lange funktionierte das nicht, nach kurzer Zeit hatten sie meinen Trick raus und liefen auch schneller. Meik, der ein paar Häuser weiter in der selben Straße wohnte wie ich, hatte den Auftrag bekommen, mich auch für den Rest des Weges zu schikanieren. Er blieb mir immer dicht auf den Fersen, schaute mich böse bis abfällig an und murmelte Zeug, dass ich nicht verstand. Der selbe Meik, der Jahre später mit den alternativen Kids rumhängen würde. Als ich mit meiner Punkband im Kulturzentrum auftrat, war er in der Menge. Stand etwas abseits mit seinen Kumpels, der Kopf nickte im Takt.

Ich weiß nicht, ob er wusste wer ich war. Aber ich hatte nichts vergessen.

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Lebenszeichen

UntitledFoto: Joe St. Pierre, via Flickr (Creative Commons)

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich hier etwas geschrieben habe. Ich dachte, es wäre an der Zeit, ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich musste ein zwischenzeitliches Tief überwinden, über das ich im letzten Post geschrieben habe.

Um daran anzuknüpfen: mittlerweile bin ich nur noch manchmal müde, und nur noch wenige Tage scheinen finster und grau. In den letzten Wochen und Monaten habe ich einiges geschafft und bin jetzt bald so weit, endlich mit dem eigentlichen Schreiben der Masterarbeit zu beginnen. Recherchiert habe ich schon einiges, und das Exposé ist auch verfasst und abgeschickt. Nun muss es noch vom Betreuer abgesegnet werden – in 3 Wochen weiß ich dann mehr.

Es macht momentan sogar wieder viel Spaß mit dem Studieren. Vielleicht, weil es mir eher liegt, mich länger und intensiver mit einem Thema zu beschäftigen, als nur an der Oberfläche eines einzelnen Aspekts zu kratzen. Vielleicht, weil ich gerade eine gute Routine gefunden habe, mit der es mir leichter fällt, Studium, Job und Privatleben zu vereinbaren.

Ich sehe wieder Licht und mit mehr Optimismus und Freude auf die Abschlussarbeit und die Zukunft danach. Es wird sicher wieder die eine oder andere Phase geben, in der der Lichtschein verblasst und die grauen Tage sich mehren. Vielleicht verschwindet die Helligkeit auch für kurze Zeit. Aber ich hoffe, dass ich dann nicht vor Schreck im Dunkeln verharren, sondern mir den Weg zurück suchen werde. Ins Licht, immer ins Licht. Walk into the light
Foto: Terry Chapman, via Flickr (Creative Commons)

P.S. An dieser Stelle auch vielen herzlichen Dank für eure lieben und aufmunternden Worte zum letzten Post. Auch wenn ich erst viel später geantwortet habe, so haben sie mir doch damals beim Lesen Mut gemacht. 🙂

Privilegiert und müde

Student
Foto: UGL_UIUC via Flickr (CC)

Ich bin mir bewusst, dass es ein Privileg ist, studieren zu können. Ich selbst komme aus einer Familie, in der es nicht selbstverständlich ist, an die Uni zu gehen. Ich bin die erste aus dem engeren Familienkreis die studiert. Ich musste es mir erkämpfen; meine Eltern hielten nicht viel davon, für sie war das eine fremde Welt.
Ich habe während der Abiturzeit gejobbt und das Geld zur Seite gelegt, um mir die eigene Wohnung mit Kaution, Umzug und Möbeln leisten zu können. Ich habe mich um Bafög gekümmert, obwohl alle mir prophezeit hatten, dass ich nichts bekommen würde (dem war zum Glück nicht so).
Ich habe neben der Schule und dem Job Praktika gemacht, ohne die ich in einen der Studiengänge gar nicht hineingekommen wäre. Ich habe Motivationsschreiben verfasst, ich habe einen Probeartikel geschrieben, der entscheidend dafür war, ob ich meinen Wunschstudienplatz bekomme. Gegen alle Zweifel bekam ich Zusagen für die beiden Studiengänge, für die ich mich beworben hatte, obwohl dies alles andere als leicht ist.

Also ja, mir ist klar, dass Studieren für viele Menschen (including moi) auch heute noch ein Privileg ist. Aber ich weiß auch, dass es harte Arbeit ist. Im Bachelor ging das noch, alles war neu und aufregend. Ich bin auf viele Parties gegangen, das Studium war mehr Spaß als Ernst. Je näher der Abschluss rückte, desto ernster wurde die Lage jedoch. Meine Noten waren wie eine gemischte Tüte Süßigkeiten – von allem was dabei. Mit der Bachelor-Arbeit lief es nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie machte mir panische Angst und ich traue mich gar nicht zu sagen, wie lange ich dafür gebraucht habe. Im Nachhinein erscheint das lächerlich; es hat doch alles geklappt.

Im Master war es gleich von Anfang an anders, ich hatte kaum Zeit zum Durchatmen. Einen Job nebenbei zu haben wird immer schwieriger, der Lernstoff wird immer komplexer und umfangreicher, das Tempo ist straff, die Bewertung strenger. Ich habe mich von Anfang an reingekniet um so schnell wie möglich fertig zu werden. Trotzdem habe ich wieder etwas länger gebraucht, wenn auch nicht wesentlich. Eins steht für mich aber fest: Nach dem Sommersemester bin ich fertig. Zack, Ende, aus.

Es macht Spaß, ja. Ich lerne unheimlich viel, und ich bin froh darüber, etwas zu machen, was mich interessiert. Aber es geht auch richtig an die Substanz. Konzentrierte geistige Arbeit, jeden Tag, für 6 bis 8 Stunden, in Prüfungsphasen auch mal 10 bis 12. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann es sich nur schwer vorstellen, aber all das Lernen macht unheimlich müde. Man ist nicht nur geistig erschöpft, sondern auch körperlich. Partys sind nicht mehr so wirklich drin, das Hirn und der Körper brauchen den Schlaf und die Erholung. Der Master hat aus mir eher eine Couchpotato gemacht, ich bin froh wenn ich einfach relaxen und abschalten kann. Viel Gelegenheit gibt es aber auch dafür nicht.

Das erklärt zum Teil auch meinen momentanen Hang zur Prokrastination. Die Luft ist raus. Ich will nicht gleich von Burnout reden, aber es geht so in die Richtung. Es ist schwierig, die Waage zu halten zwischen den hohen Anforderungen, die das Studium und ich selbst an mich stellen, und dem Bedarf nach Ruhephasen. Der Wille ist da, es ist nur ein täglicher Kampf, diesen auch in die Tat umzusetzen. Ich weiß, ich schaffe das schon. Sind erstmal die Hausarbeiten weg, ist wieder mehr Kraft und Ansporn da. Dann kann ich mich voll und ganz auf die Abschlussarbeit konzentrieren. Und vielleicht habe ich dann auch noch etwas vom Sommer. Ohne schlechtes Gewissen.

Leeds castle library
Foto: Dineshraj Goomany (CC)

Queen of Procrasti-Nation

Queen of Procrastination
Foto: Ariana Escobar

Es ist Samstag und eigentlich wollte ich heute noch was schaffen. Nachdem ich die letzten zwei Tage von der Nachtschicht k.o. war, muss doch heute was passieren! Immer aufholen, mithalten, weitermachen. Es macht mich müde; es frustriert.

Eigentlich habe ich eine Menge zu tun. Und eigentlich möchte ich auch mit allem fertig werden, möchte alles erledigen, was bei mir auf der To-Do-Liste steht. Aber dann steckt mich die Prokrastination an; diese hässliche Aufschieberitis breitet sich in mir aus wie ein fetter, fieser Virus. Motivation? Gleich Null. Energie? Sah auch schonmal besser aus.

Eine Mischung aus Unmut und Panik ist mein ständiger Begleiter. Im Hintergrund tickt die Uhr; die Zeit läuft mir davon. Mein Plan war es, im März mit der Masterarbeit anzufangen; davor gab es schon einmal den Plan, sie um diese Zeit  längst abgeschlossen zu haben. Mittlerweile bin ich froh, wenn ich es schaffe, Mitte April damit anzufangen.

Und davor gibt es noch eine Menge zu tun. Prokrastination taucht immer dann auf, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Gründe dafür gibt es viele:
a) Ich habe mir zu viel aufgeladen und zu hohe Erwartungen an mich. Wenn ich diese nicht erfülle, kommt mir das wie Versagen vor. Das haut alle Motivation und alle Energie zu Boden.
b) Ich habe sauviel Schiss ein klein wenig Respekt vor der Masterarbeit. Sogar aus der Ferne wirkt sie schon bedrohlich. Wirkung: Motivation und Energie sind futsch.
c) Alle um mich herum sind schon viel weiter und stehen kurz vor der Abgabe, dem Abschluss, einem ganz anderem Leben. Das macht mich nervös und gibt mir das Gefühl, nicht mitzukommen. Wirkung: siehe oben.
d) Das große Fragezeichen nach dem Studium. Wo werde ich landen? Was werde ich machen? Will mich jemand haben? Wie behält man bei all der Ungewissheit die Nerven? Wirkung: dito.

Leider verflüchtigen sich die ganze Arbeit, die Angst, und die Ungewissheit nicht dadurch, dass ich mir mal wieder eine Folge Black Books reinziehe und eifrig Pläne für das Leben nach dem Studium mache. Im Gegenteil, es zieht mich weiter in den Strudel des frustrierten Nichtstuns. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nichts mache, nicht vorankomme. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil der Freund jeden Tag so fleißig ist. Er weiß, dass Prokrastination nichts bringt, nicht weiterhilft. Er weiß, das ist ein Luxusproblem. Weil ich mich schäme, sage ich abends dann, ich hätte xy und z geschafft. Auch wenn meine Versuche, mich mit xy und z zu befassen nicht so produktiv waren. Aber ich habe es versucht!

Ein Leben im Konjunktiv: hätte, könnte, würde, wäre. Ich verliere mich in Tagträumen. Mein Wunschdenken ist der Realität weit voraus. Während mein Geist schon in der Zukunft angekommen ist, stecke ich in der Gegenwart fest und die Arbeit reicht bis in die Vergangenheit zurück. Hey, ich habe noch eine Hausarbeit vor mir, die ich schon vor zwei Jahren hätte schreiben können! Good job!

Und prompt sind meine Gedanken wieder im Hier und Jetzt angekommen. Die Wahrheit ist, ich bin selber schuld und es gibt keinen anderen Weg als nach vorn.
Aus Erfahrung weiß ich, dass die Dinge nicht so schrecklich sind, wie sie erst scheinen. Ich sollte aufhören, mich mit anderen zu vergleichen und einfach mein Ding durchziehen. Mein Bestes geben. Wenn es etwas länger dauert als geplant, dann ist das eben auch so.

(Obwohl ich wirklich gerne etwas mehr vom Sommer haben möchte, als in stickigen, staubigen Bibliotheksräumen zu sitzen und über komplizierten Theorien zu brüten. First World Problems, ach ja.)

Aber jetzt mache ich mich an xy und z. Wirklich! Damit ich heute abend ein besseres Gewissen habe, wenn der Freund nach Hause kommt und fragt, wie war dein Tag? Und damit es weiter geht. Immer weiter nach vorn; ich sehe da einen Abschluss fern am Horizont in der Sommersonne blitzen.

Auserwählte

Hacking Bullies
Photo: Peter Renshaw

„Hey du!“
Obwohl ich weiß, dass der Ruf mir gilt, drehe ich mich nicht um.
„Hey! Ja, genau du!“ Wäre mir nicht das Herz eine Etage tiefer gerutscht, würde ich lachen. Ob ihm klar ist, dass er klingt wie dieser Privatdetektiv aus der Sesamstrasse? Vermutlich nicht. Er, das ist Markus. Außer seinem Namen weiß ich nur, dass er nichts Gutes bedeutet.

Ich hatte versucht, unsichtbar zu bleiben. Also die älteren Kinder, und vor allem die Jugendlichen, nicht anzugucken – oder zumindest nicht zu lange. In den Schulpausen klappt das. Meine Freundinnen und ich sind so beschäftigt, dass uns die anderen aus den höheren Klassen gar nicht auffallen. Erst jetzt, auf dem Heimweg, auf den zehn Minuten, die ich allein gehe, wird mir ihre Anwesenheit wieder bewusst.

Es ist nicht nur Markus, natürlich nicht. Er hat eine ganze Gruppe Verstärkung bei sich – die Jungs und Mädchen, die sonst auch jeden Tag diesen Weg laufen, aber mich bis jetzt nicht beachtet haben. Bis jetzt bin ich unsichtbar gewesen. Ich höre schwere Schritte hinter mir.

„Willst du Probleme?“
Mein Herz beginnt zu rasen. Okay, denke ich mir, da kommst du nicht mehr raus. Ich drehe mich um, versuche freundlich zu lächeln. Zeigen, dass man kein Problem hat, dass man die Älteren respektiert. Markus beschleunigt seine Schritte und kommt auf mich zu. In der linken Hand eine Zigarette, in der rechten Hand eine schwere Metallkette, die er neben sich im Kreis schwingt. Der Stahl rasselt. Ich weiß, ich bekomme Probleme, ob ich will oder nicht. Was ich will, interessiert hier keinen.

Die anderen sind ein Stück zurückgeblieben, schauen gespannt zu uns rüber. Außer uns ist niemand weit und breit zu sehen. Wo sind die sonst immer so korrekten und allwissenden Erwachsenen eigentlich, wenn man sie braucht? Normalerweise wittern sie schon aus drei Kilometern Entfernung, wenn etwas nicht stimmt. Aber – nichts. Nur Häuser. Häuser, Wände, und Fenster, die aus toten Augen zu mir glotzen.

„Hau ihr eins in die Fresse“, ruft Jessica von hinten.
Meine Angst verwandelt sich in blanke Panik. Es sind nur noch zwanzig Schritte bis zur nächsten Weggabelung. Ich muss nach links, die anderen weiter geradeaus. Doch rennen wäre fatal, das weiß ich. Flucht weckt den Jagdinstinkt. Flucht ist der Beweis, wie viel Angst ich wirklich habe.

„Na, haste gehört? Willst du eins auf die Fresse?“ Markus hat eine fiese Stimme. Wie einer dieser rattengesichtigen Bösewichte in Cartoons. Eine Stimme, die einen verfolgt, bis Nachts in die Albträume. Und vielleicht ein Leben lang. Mir steigen die Tränen in die Augen. Ich schüttle den Kopf.
„Dann lass dich nie wieder hier blicken. Wenn wir dich erwischen, kriegst du was auf die Fresse.“ Er spielt mit der Stahlkette in seiner Hand. „Und wehe du gehst petzen!“

Ich schüttle den Kopf. Die anderen haben aufgeholt.
„Jetzt hast du die dumme Kuh zum heulen gebracht.“ Jessicas Stimme passt gut zu der von Markus. Fies und hinterhältig. Böse.
Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, dass die anderen neben mir hergehen und mir an den Kopf schmeissen, was ihnen an Gemeinheiten gerade so einfällt.

Wir erreichen die Wegkreuzung. Ich biege links ab, die anderen bleiben noch eine Weile dort stehen und rufen mir hinterher. Mein Herz und mein Atem gehen so laut, dass ich nicht verstehen kann, was sie sagen.

Tränen laufen mir über die Wangen.